Akademie Musiktheater heute

Auswirkungen der Corona-Pandemie – Interview mit Bernhard F. Loges

Interview

© Sebastian Buff

Langsam kommt wieder etwas Bewegung in das Kulturleben. Nachdem durch die Corona-Pandemie die Opernhäuser schließen mussten, Konzerte und Veranstaltungen abgesagt und Produktionen verschoben wurden, öffnen nun die ersten Häuser wieder. In der Interviewreihe der Akademie Musiktheater heute berichteten bereits die freischaffende Regisseurin Eva-Maria Höckmayr und der freischaffende Komponist Alessandro Baticci, wie sich die Corona-Pandemie auf ihre Arbeit ausgewirkt hat.

Im dritten Interview schildert nun AMH-Alumnus Bernhard F. Loges, wie sich das Landestheater Coburg auf die Wiedereröffnung vorbereitet hat.

© Sebastian Buff

Bernhard F. Loges, Sie sind Intendant am Landestheater Coburg. Nach der nunmehr dreimonatigen Phase der Schließung, dürfen die Theater jetzt zum 15. Juni wieder in Bayern eröffnen. Wie bereiten Sie sich im Haus auf die Wiederaufnahme vor?

Wir haben ein eigenes Hygienekonzept entwickelt, das wir dem örtlichen Ordnungsamt vorgestellt haben, und nachdem nun die Verordnung der Staatsregierung vorliegt, können wir ab Donnerstag, 18. Juni 2020 wieder für bis zu 50 Zuschauerinnen und Zuschauer spielen. – Nach der heutigen Ankündigung von Ministerpräsident Söder wird die Besucheranzahl ab dem kommenden Montag, 22. Juni erhöht, dann stünden in unserem eigentlich 480 Plätze fassenden Großen Haus insgesamt knapp 100 Plätze mit entsprechendem Abstand zur Verfügung.

Wie haben Sie sich im Landestheater Coburg aufgestellt, um das Hygienekonzept zu erarbeiten und welche Personen sind daran beteiligt. Gibt es Leitfäden, an denen sich Theater orientieren können?

Unser Technischer Leiter, Daniel Kaiser, und die Leiterin unseres Betriebsbüros, Susanne Schulze, haben akribisch ein Hygienekonzept entwickelt, das von bekannten Vorgaben von Maskenpflicht über allgemeine Hustenetikette und Sicherheitsabstand von 1,5 m bis hin zu einem ausgeklügelten Einlasssystem reicht.

Natürlich ist dieses nicht nur an den Publikumsverkehr gebunden, gerade in einem alten Theatergebäude mit engen Gängen und praktisch keiner Seitenbühne ist eine genaue Logistik backstage vonnöten: Wer kommt wann über welchen Weg aus welchem Raum zu seinem Auftritt. Alle Abstände sind zu gewährleisten. Vor Proben gibt es Sicherheitseinweisungen für die jeweiligen Ensembles, die im Konzept mit jeweils eigenen Abschnitten ausgeführt sind. Hierbei gelten für Orchestermusikerinnen und -musiker andere Abstände als für Schauspielerinnen und Schauspieler, für Streicherinnen und Streicher andere als für Bläserinnen und Bläser. Zahlreiche Studien galt es heranzuziehen, um sicherzustellen, dass die Abstände zwischen den Sängerinnen und Sängern weit genug sind etc. – Die beiden Verantwortlichen müssen hierbei fast selbst zu Aerosolspezialisten werden und immer auf dem aktuellen Stand sein.

Seit dem 16. Juli gibt es konkretere Vorgaben seitens der Staatsregierung. Da jedes Theater baulich anders beschaffen ist und auch in verschiedenen Regionen unterschiedliche Infektionsraten existieren, ist allerdings das eigene Konzept Voraussetzung für den Spielbetrieb. Hier ist eine kommunale Verständigung vorausgesetzt. Wir gehen auch davon aus, dass das Hygienekonzept immer wieder angeglichen werden muss.

Das Berliner Ensemble ging Ende Mai mit einem Video publik, in dem der jetzige Zuschauerraum mit abmontierten Stuhlreihen zu sehen war. Die Süddeutsche Zeitung verglich das Aussehen mit einem „Gebiss mit Zahnausfall“. Werden am Landestheater Coburg nun auch die Stuhlreihen reduziert und was bedeutet das logistisch?

Im Gegensatz zum Berliner Ensemble können wir die einzelnen Stühle nicht herausmontieren, sondern müssen sie sperren. Im aktuellen Saalplan wird nur in jeder zweiten Reihe jeder vierte Platz verkauft, bzw. sind Doppelsitze geschaffen worden. Das lässt sich im Kassenprogramm entsprechend anlegen.

Zugleich ist der Zugang zum Zuschauerraum über unterschiedliche Eingänge geregelt: Parkett durch die Haupttüren, 1. Rang durch die vorderen Seitentüren, 2. und 3. Rang über die hinteren. Somit begegnen sich möglichst wenig Menschen in den schmalen Gängen. Die Eingänge sind auf den Karten jeweils entsprechend vermerkt.

Vor welchen anderen Herausforderungen stehen Sie auch noch vor der Wiedereröffnung?

Unabhängig vom Hygienekonzept für das Landestheater ist ein Spielplan wichtig, der mit kleinen Besetzungen auskommt und zugleich Stücke präsentiert, die ohne Pause eine Länge von 75 bis 90 Minuten nicht übersteigen.

Wir haben zwei Produktionen aus der Reithalle – unserer kleinen Spielstätte – für das Große Haus adaptiert: Fly Me to the Moon – Sinatra in Concert eine Frank-Sinatra-Revue für zwei Sänger und eine kleine Band sowie Die Sternstunde des Josef Bieder von Eberhard Streul für einen Schauspieler. Hinzu kommen Kammerkonzerte sowie einige Konzerte in kleiner Besetzung zum Abschied unseres Generalmusikdirektors Roland Kluttig.

Zusätzlich planen wir – ebenfalls noch vorbehaltlich der Genehmigung – einen Kulturspaziergang in dem an das Landestheater angrenzenden Hofgarten, bei dem an unterschiedlichen Orten Musikerinnen und Musiker, Tänzerinnen und Tänzer, Schauspielerinnen und Schauspieler, und auch der Chor sowie Sängerinnen und Sänger auftreten werden.

Sie möchten die verbleibende Spielzeit zudem nutzen, andere Formate zu verwirklichen. Was genau sind das für neue Formate?

Neue Formate entwickeln wir zurzeit weniger für die Bühne, sondern haben mit regelmäßigen Sonntagskonzerten und einer Reihe anderer Online-Formaten auf Social Media Aktivitäten gestartet, wie viele andere Theater auch. – Analog ist der Spaziergang durch den Hofgarten mit geführten kleinen Besuchergruppen auf Abstand ein neues Format, das durchaus auch für die Post-Corona-Zeit kompatibel ist.

Natürlich mussten wir unsere Planung für 2020/2021 abändern und haben uns dazu entschlossen, den Spielplan in drei Etappen zu veröffentlichen: zunächst bis zum 31. Dezember 2020, dann bis Ende April 2021 und schlussendlich bis zum Ende der Spielzeit. Eine große Musicalpremiere haben wir direkt auf den Herbst 2021 verlegt. Aber unser Schauspieldirektor Matthias Straub erarbeitet einen Revueabend der mindestens so unterhaltsam wird und eine Reise um die Welt erschafft, die zeigt wie Musik überall Menschen verbindet. Zugleich ist das Konzept mit entsprechenden Abständen inszeniert umsetzbar.

Musiktheaterproduktionen mit großer Besetzung sind in das Jahr 2021 geschoben worden. Sollte sich diesen Herbst abzeichnen, dass sie nicht umsetzbar sind oder nach wie vor nur bei reduziertem Saalplan stattfinden können, werden sie erst 2022 stattfinden. Alle Regieteams arbeiten auch an kleiner besetzten alternativen Stücken. – Hierin liegt bei allem Verlust auch eine Chance: Vielleicht erleben wir an den Theatern eine Saison, in der unbekanntere Werke (wieder-)entdeckt werden, die plötzlich eine unverhoffte Aktualität erfahren. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was für Spielpläne in dieser Zeit entstehen.

Die aktuelle Situation bedeutete für die Theater erhebliche Einbußen. Wie die nächsten Monate sich weiterentwickeln, ist noch ungewiss. Wie geht das Landestheater Coburg mit dieser schwierigen finanziellen Situation um?

Sicherlich werden wir bei der vorsichtigen Öffnung mit einem Publikum von 50 bis zu 100 Personen nicht die Einnahmen generieren, die wir uns wünschen, aber ein Spielbetrieb in dieser Saison ist als Lebenszeichen nicht hoch genug zu bewerten. Wie sich die kommende Saison dann gestaltet, wird die allgemeine Entwicklung zeigen.

Aktuell befinden sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit. Das ist durch die Tarifverträge TV Covid möglich und ermöglicht eine gewisse Stabilität für sie und den Betrieb. – Wir haben in Coburg das große Glück, dass die Stadt hinter ihrem Theater steht und mit dem Grundsatzbeschluss zum Globe-Theater, das ab Oktober 2020 gebaut werden soll und in der Zeit der Generalsanierung dem Landestheater als Ersatzspielstätte dienen wird, ein deutliches Signal gegeben hat, dass Kultur und Theater hier Bedeutung haben.

Wie blicken Sie in die Zukunft und was wünschen Sie sich für das Landestheater?

Ich wünsche mir, dass wir sobald wie möglich zu einer Normalität zurückfinden, die ein ansprechendes Programm ermöglicht und auch wieder allen Ensembles die Möglichkeit gibt, ihre Kunst zu zeigen. Theater muss wieder ein Ort der Begegnung und des Austauschs sein können. Gerade aktuell ist auch seine Fähigkeit zur Reflektion von Gesellschaft existenziell wichtig. Wenn scheinbare Wahrheiten gerade inflationär verbreitet werden und Theorien nicht überprüft und diskutiert werden, sondern als Glaubenssätze scheinbare Sicherheit vorgaukeln, muss dagegengehalten werden.

Natürlich geht Gesundheit vor und die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt bleiben, aber entscheidend ist, dass die Theaterlandschaft als Ganzes nicht vergessen wird und jenseits aller Versprechungen Garantien geschaffen werden, die allen Künstlerinnen und Künstlern – nicht nur in Coburg und nicht nur Festangestellten –, sondern auch und vor allem freien – eine Existenzgrundlage ermöglicht.

In der nervösen Zeit, in der wir uns übrigens nicht erst seit dem Ausbruch von Covid-19 befinden, ist es wichtig, nicht die Solidarität miteinander zu vergessen und in regelmäßigem Austausch Wege zu finden, gemeinsam Kunst zu ermöglichen.

Bernhard F. Loges

Bernhard F. Loges

Bernhard F. Loges ist seit der Spielzeit 2018/2019 Intendant des Landestheaters Coburg. Zuvor war er Musiktheaterdramaturg an der Deutschen Oper am Rhein und leitender Dramaturg der „Junge Opern Rhein-Ruhr“, einer Kooperation zwischen der Oper Dortmund, dem Theater Bonn und der Deutschen Oper am Rhein. Er studierte Theaterwissenschaft, Komparatistik und Geschichte in Bochum und promovierte 2009. Lehraufträge führten ihn an die Ruhr-Universität Bochum, die Universität Bayreuth, die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und die Thomas-Morus-Akademie Bensberg. Er war Juror für die Festspiele Baden-Baden und für den Beirat Tanz und Theater der Stadt Düsseldorf beratend tätig. 2008 bis 2010 war er Stipendiat der „Akademie Musiktheater heute“ der Deutsche Bank Stiftung und ist dort seit 2014 Mitglied im Beirat.

 

 

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