A Safe and Special Place Drei mal drei macht sechs – widde widde wie man ein Motto deutet Von Lorina Strange

»Schon wieder ein Motto« dachten einige, besonders die Komponisten, »Zumindest müssen wir uns nicht mit 15 Leuten auf EIN Thema einigen« dachten andere. So oder so warteten wir gespannt auf die Bekanntgabe des Mottos für unser Abschlussprojekt. Was sind heutige, aktuelle Themen, die im Musiktheater verhandelt werden sollen? Welches davon dürfen wir wohl bearbeiten?

Dann die festliche Enthüllung: »Ménage-à-trois«.
Zu Deutsch: Dreiecksverhältnis, laut Duden: »Beziehung einer Person zu zwei Geschlechtspartnern« – Ist die gesamte Opernliteratur nicht voll davon? – »Dabei kann die Person mit zwei Beziehungen eine oder beide Beziehungen heimlich führen (Seitensprung) oder beide Beziehungen offen ausleben« (Wikipedia) – Das scheint kein ungewöhnlicher Stoff in der Kunstgeschichte. – »Im Regelfall beschreiben Dreiecksgeschichten eine Liebesbeziehung (Frau – Ehemann – Geliebter oder vice versa), die mit dem Themenkreis Untreue und Eifersucht, Entscheidungsnot oder Verzicht, bisweilen auch Mord verknüpft ist.« – Ist das nicht die klischeehafte Opernhandlung? Andere Lexika definieren das als V-Konstellation und eine ECHTE Ménage-à-trois als Liebes- oder Sexualbeziehung dreier Personen, bei der sich alle drei jeweils mit den anderen beiden in einer Beziehung befindet. – Oha. Jetzt wird es polyamor. Wieder andere beschreiben Ménage-à-trois sehr lose als »Beziehungskonstellation zwischen drei Menschen«.

Wir ziehen uns zur Diskussion in unsere Teams zurück. Drei Teams mit jeweils drei Menschen. In einem Fall vier. Wir denken nach über einen Abend bestehend aus drei Teilen. Schnell kommen wir alle unabhängig zu dem Schluss, dass der formale Rahmen dieses Abends eigentlich das Motto schon erfüllt und uns klischeehafte Liebesgeschichten wenig interessieren. So machen wir uns Luft, weiter zu denken. Über Dreiecke im Allgemeinen. Das entwicklungstheoretische Primärdreieck Vater-Mutter-Kind. Das Dramadreieck Opfer-Täter-Retter. Das didaktische Dreieck Lehrer-Schüler-Lerngegenstand. Freuds Drei-Instanzen-Modell Ich-Es-Überich. Die soziologische Figur des Dritten als soziale Urform und Keimzelle des Sozialen. Das Dreieck als Symbol für Vollkommenheit, Allwissenheit, Fortschrittsglauben. Mensch-Natur-Technik. Die Urkonstellation Adam-Eva-Gott. Die Dreieinigkeit. Das Ewige.

Und immer wieder müssen wir dabei fast notgedrungen unseren Arbeitsprozess reflektieren. Wie steht es denn um die Dreiecksbeziehung von Komponist, Regisseur und Dramaturg bzw. Librettist? Ist aus dem die Operngeschichte prägenden Bedeutungswettstreit zwischen Musik und Wort nicht längst ein Dreiecksverhältnis aus Text, Musik und Szene geworden? Gibt es neben der chronologischen Dreiteilung – ein Text wird geschrieben, vertont und inszeniert – auch eine dreieckige Gleichzeitigkeit der Disziplinen?

Nach gut eineinhalb Jahren gibt es drei Ergebnisse, die die Bandbreite unserer Überlegungen wiederspiegeln.

»Wiener Ménage« ist in einem Nacheinander von Wort, Musik und Inszenierung entstanden und thematisiert die verschiedenen Spielarten von Dreiecksbeziehungen. An einem konkreten Ort führt das Stück in schnellen Wechseln soziale Beziehungen, Konfrontationen und gruppendynamische Wirkmechanismen an konkreten Beispielen vor. »A Safe and Special Place« macht in der Tradition von Opern wie Richard Strauss’ »Capriccio« oder Antonio Salieris »Prima la musica, poi le parole« gleich die Struktur zum Inhalt, thematisiert Ansichten auf Kunst und ist selbst in einem Prozess mit großen Überschneidungen und Wechselwirkungen der Arbeitsphasen und -bereiche entstanden. »Lilith« zuletzt zeigt die asymmetrische, immer instabile Dreierkonstellation von Adam, Eva und Gott, die sich in kein Gleichgewicht bringen lässt. Der Konzeptions- und Produktionsprozess zeichnete sich aber bewusst durch die größtmögliche Balance zwischen den Arbeitsbereichen aus. In jedem Schritt der Entstehung und in allen Momenten des Stücks werden Musik, Szene und Text gleichermaßen befragt, um Modi des Umgangs der Medien, Künstlerinnen und Künstler miteinander zu finden und so ästhetisch Neuigkeiten und Arbeitsweisen hervorzubringen, bei denen auf Augenhöhe diskutiert wird.

Letztendlich zeigen die Arbeitsweisen der drei Teams und der Inhalt der drei entstandenen Kurzopern so mindestens sechs Perspektiven auf ein Motto. Und das ohne einen einzigen Seitensprung.


Lorina Strange promoviert in Musik- und Theaterwissenschaften und ist Dramaturgin für Musiktheater am Theater Erfurt. Sie ist bei »Ménage-à-trois« Dramaturgin des Musiktheaters »A Safe and Special Place«. Zur Biografie
close Zwei Jahre lang erarbeiteten die 15 Stipendiatinnen und Stipendiaten des Jahrgangs 2017-2019 drei Musiktheaterstücke zum Thema »Ménage-à-trois«. 2019 kooperierte die »Akademie Musiktheater heute« für das Abschlussprojekt erstmals mit dem Ensemble Modern und der Hochschule für Musik und darstellenden Kunst Frankfurt.


Team »Lilith«
Der Komponist Manuel Zwerger, die Regisseurin Alicia Geugelin und der Dramaturg Jim Igor Kallenberg entwickelten das Musiktheater »Lilith«.
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Team »Wiener Ménage«
Der Komponist Carl Tertio Druml, der Regisseur Nils Braun und die Dramaturgin Christin Hagemann entwickelten das Musiktheater »Wiener Ménage«.
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Team »A Safe and Special Place«
Der Komponist Thierry Tidrow, der Librettist Mien Bogaert, die Regisseurin Carmen C. Kruse und die Dramaturgin Lorina Strange entwickelten das Musiktheater »A Safe and Special Place«.
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© Hansjörg Rindsberg
Kontext Der Festakt 2019 der »Akademie Musiktheater heute« (AMH) findet in Kooperation mit dem Ensemble Modern und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main statt.

Die »Akademie Musiktheater heute« ist ein Förderprogramm der Deutsche Bank Stiftung für junge Talente aus dem Musiktheater.
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