Lilith Lilith Im Anfang ging ein Riss durch Himmel und Erde, ein Riss in dessen Abgrund wir, das entzweite Ebenbild Gottes, uns immer wieder von neuem werfen. Die Paradiesgeschichte öffnet die Koordinaten einer asymmetrischen Dreierkonstellation, in der wir nackt einem voyeuristischen Blick ausgesetzt sind, in der wir nach Gott fragen und keine Antwort bekommen, verführt werden und uns schämen. Du, ich und der Abgrund dazwischen.

Mit Worten und Blicken, Stimmen und Berührungen bewohnen wir den Abgrund zwischen uns. Was aber, wenn wir irgendwann merken, dass der Andere unseren Projektionen nicht entspricht? Diese Erfahrung macht auch Pygmalion mit seinem Kunstwerk, E. T. A. Hoffmanns Nathanael mit Olimpia, Mary Shelleys Dr. Frankenstein mit seinem Monster und die transsensuellen Oankali-Aliens mit Lilith in Octavia E. Butlers black-xenofeministischem Sci-Fi-Roman »Dawn«. Und musste nicht Adam mit Eva, dem »Fleisch aus seinem Fleische«, und musste nicht auch Gott diese Erfahrung mit dem Menschen, seinem Ebenbilde, machen, der das Paradies verlässt, um ein neues zu bauen? Die Begegnung mit dem Anderen kennt keine Garantie, aber mit der schrecklichen Scham kamen auch das Begehren und das biblische »Erkennen« zwischen die Menschen, mit dem Ausschluss aus dem Paradies die menschliche Freiheit.

Als hätte der Bibeltext selbst einen Filmriss, erzählt Genesis 1 die Erschaffung des Menschenwesens zweimal. Liegt dazwischen vielleicht Lilith, nach jüdischen Sagen die erste Frau Adams, die die patriarchale Rollenverteilung nicht akzeptiert hat und – das Urtrauma Gottes – aus dem Paradies geflohen ist? So musste sie nicht nur aus dem Paradies, sondern auch aus dem kanonischen Bibeltext gestrichen werden. In die Lücke, die Lilith reißt, tritt der Apfel am Baum der Erkenntnis, der »eine Lust für die Augen wäre und verlockend«, ein imaginär überladenes und zugleich sinnloses, leeres Ding, eine lärmende Abwesenheit, ein unverständliches Drittes, um das herum sich jede Begegnung spinnt.
close von Manuel Zwerger Besetzung:
Komposition: Manuel Zwerger
Regie: Alicia Geugelin
Dramaturgie: Jim Igor Kallenberg

Musikalische Leitung: Jonas Ehrler, Felix Mildenberger
Ausstattung: Sang Hwa Park, Pia Preuß, Matthias Rieker
Kulturmanagement: Sven Jenkel, Marie-Louise Stille

Gesang: Merle Bader, Harald Hieronymus Hein

Ensemble Modern
© Jeremy Bishop (CC0) via Unsplash
Kontext Der Festakt 2019 der »Akademie Musiktheater heute« (AMH) findet in Kooperation mit dem Ensemble Modern und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt statt.

Die »Akademie Musiktheater heute« ist ein Förderprogramm der Deutsche Bank Stiftung für junge Talente aus dem Musiktheater.
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