Akademie Musiktheater heute

“Worum geht es eigentlich?” von Marie-Sünje Schade und Ulrich Stöcker

Bericht, Workshop

Marie-Sünje Schade

Geboren 1991 in Kiel. Studentin der Musikwissenschaft an der Universität Köln

Ulrich Stöcker

Geboren 1988 in Lübeck. Seit April 2016 Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung am Theater Lübeck

Szene aus b.33 / Polish Pieces von Hans van Manen an der Oper am Rhein, 2017 © Gert Weigelt

Das zweite AMH-Förderjahr ist vorbei. Zeit, es noch einmal Revue passieren zu lassen. Was hat die Stipendiat/innen am meisten zum Nachdenken angeregt, inspiriert, gefesselt? Die Dramaturgin Marie-Sünje Schade (AMH 2016-2018) und der Dirigent Ulrich Stöcker (AMH 2016-2018) pickten sich die Schlaglichter und Kernaussagen, die sie jeweils individuell von den Workshops in Wuppertal, Düsseldorf, Berlin, Amsterdam und Aix-en-Provence mitgenommen haben, heraus.

Inspirationen und Visionen von Künstler/innen, Mitarbeiter/innen der Kulturinstitutionen, Mit-Stipendiat/innen und natürlich von den Aufführungen selbst, die sich alle der Frage annähern: Worum geht es im Musiktheaterbetrieb eigentlich?

Workshop I // Wuppertal & Düsseldorf

Besuchte Inszenierungen:
15.12.2017 | Oper Wuppertal: Surrogate Cities/Götterdämmerung – Musiktheater mit Musik von Heiner Goebbels und Richard Wagner
16.12.2017 | Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf: b. 33, inkl. Roses of Shadow (UA) – Ballett von Martin Schläpfer und Musik von Adriana Hölszky

Marie-Sünje Schade: Ein Opernhaus soll ein kulturelles Zentrum der Stadt sein, Menschen verbinden, Brücken bauen, begeistern, inspirieren und am besten immer voll sein. Und das überall, nicht nur in Berlin oder Hamburg. Gar nicht so einfach ist diese Aufgabe in einer Stadt wie Wuppertal. Es war spannend zu sehen, welche Wege hier gesucht werden, um die Herausforderungen zu meistern: ein mutiger Spielplan, ein außergewöhnliches Sänger-Ensemble, Ansätze zur multikulturellen Publikumsgewinnung, die Entdeckung neuer Spielstätten überall in der Stadt. Der erste Workshop des Förderjahres regte an, über die Profilierung eines Stadttheaters nachzudenken. Und mal wieder wurde deutlich: Umbrüche und Neuausrichtungen brauchen einen langen Atem, die Früchte kommen oft erst nach Jahren.

Ulrich Stöcker: Etwas wunderliche Blüten trieb dieser Versuch einer Profilierung im Stück Surrogate Cities/Götterdämmerung. Hier ging Experimentierfreude beispielsweise so weit, dass die Blasinstrumente im dritten Akt der Götterdämmerung hinter der Bühne saßen und dadurch von den Streicher/innen getrennt wurden, die vorn platziert wurden. Interessant und neu, ein Hingucker. Aber die Folge: Der von Wagner angestrebte homogene Klang zerfaserte, sodass Sänger/innen und Orchester mehr damit beschäftigt waren, einigermaßen zusammenzuspielen, anstatt musikalisch gestalten zu können.

Szene aus Surrogate Cities/Götterdämmerung an der Oper Wuppertal, 2017 © Jens Grossmann

Workshop II // Berlin

Besuchte Inszenierungen:
16.03.2018 | Komische Oper Berlin (KOB): Anatevka – Musical von Jerry Bock
17.03.2018 | Staatsoper Unter den Linden: Salome – Oper von Richard Strauss

Marie-Sünje Schade: Eines der für mich vielleicht prägendsten Zitate aus meiner gesamten AMH-Zeit entstammt dem Gespräch mit Susanne Moser (Geschäftsführende Direktorin der KOB). Wir fragten sie, was ihrer Meinung nach die entscheidenden Erfolgsfaktoren für gutes Musiktheater seien. Ihre Antwort war kurz und klar: „An erster Stelle steht die Qualität: Man braucht eine gute Produktion. Darauf kommt es an. Dann kommt erst einmal lange nichts. Und dann erst kommen die Faktoren von Marketing, Vermittlungsarbeit und den weiteren bekannten Arbeitsbereichen. Das müssen Sie immer im Kopf behalten.“ Sie bringt es für mich auf den Punkt.

Ulrich Stöcker: Das bestätigt sich auch auf musikalischer Seite: An erster Stelle steht die Qualität. Man muss keine 50 Jahre alt sein und über Jahrzehnte seine Sporen an mittleren Häusern verdient haben, um als Dirigent vor das Orchester der Staatsoper Unter den Linden treten zu dürfen. Wenn man eine Vision hat und mutig genug ist, sie zu vertreten und sie auch glasklar an die Musiker/innen weitergeben kann, kommt der Respekt der Musiker/innen automatisch. Das Salome-Dirigat des 24-jährigen Thomas Guggeis beweist es uns anschaulich.

Szene aus Salome an der Staatsoper Unter den Linden, 2018 © Monika Rittershaus

Workshop III // Holland-Festival Amsterdam

Besuchte Inszenierungen:
24.06.2018 | Stadsschouwburg: Gesualdo – Musiktheater von De Warme Winkel
24.06.2018 | Muziekgebouw: Dear Esther – digitales Musiktheater von Jessica Curry
25.06.2018 | Loods 6: End Credits – Installation von Steve McQueen
25.06.2018 | Dutch National Opera: Lessons in Love and Violence – Oper von George Benjamin

Marie-Sünje Schade: Wie kann Musiktheater heute noch schockieren? Die Produktion Gesualdo von De Warme Winkel hatte alles: nackte Haut, Sex, Kot, Blut und Gewalt. Aber schockiert das? Mich leider nicht, das holländische Publikum erst recht nicht. Unabhängig davon, ob das Team mit dieser Produktion schockieren wollte, lohnt ein Gespräch hierüber mit Vincent Rietveld beim anschließenden Nachgespräch. Auf die Frage, was das Publikum heute noch wirklich schockieren könne, antwortet der Performer: „Wir müssen ihnen das bieten, was sie sonst im Alltag nicht haben: Wir müssen extrem entschleunigen, reduzieren, verlangsamen. Einen Gegensatz zur hektischen Welt bilden. In einer unserer Produktionen haben wir einen Roman vorgelesen. Extrem langsam. Wir haben 15 Minuten für die erste Seite gebraucht. Das hat schockiert.“ Funktioniert dieser Ansatz?

Ulrich Stöcker: 2. Workshopabend: George Benjamins Lessons in Love and Violence. Bei dem Stück überraschte vor allem die musikalische Konventionalität. Eingelullt in einen satten Orchestersound konnten die Zuhörer/innen Musik erleben, die man auch vor 40 Jahren schon hätte spielen können, ohne dass sie nennbares Aufsehen erregt hätte. Musikdramaturgisch stimmig, aber wenig innovativ. Der Schock bestand also wenn überhaupt darin, dass eine Uraufführung so wenig schockieren kann.

Das Theaterkollektiv De warme Winkel präsentiert Gesualdo auf dem Holland-Festival in Amsterdam, 2018 © Sofie Knijff

Workshop IV // Festival d’Aix-en-Provence

Besuchte Inszenierungen:
12.06.2018 | Théâtre de l‘Archevêché: Dido und Aeneas – Oper von Henry Purcell
13.06.2018 | Grand Théâtre de Provence: Der feurige Engel – Oper von Sergei Prokofjew
14.06.2018 | Théâtre de l‘Archevêché: Ariadne auf Naxos – Oper von Richard Strauss
15.06.2018 | Théâtre du Jeu de Paume: Seven Stones (UA) – Oper von Ondřej Adámek

Marie-Sünje Schade: Beim Workshop in Aix ging es natürlich um vieles. Am stärksten rückte für mich das Potenzial von menschlicher Stimme und Sprache im zeitgenössischen Musiktheater in den Fokus. Dieses Thema blitzte in unseren Tagen in Südfrankreich immer wieder auf. Diana Syrse (AMH 2016-2018) stimmte mit ihrem mitreißenden Impulsvortrag über „Neue Vokalmusik und Stimmen im zeitgenössischen Musiktheater“ hierzu ein. Bernard Foccroulle (in seinem letzten Jahr als Intendant des Festivals) äußerte in seinem Gespräch mit uns den Wunsch, dass sich zukünftige Kompositionen mehr auf die menschliche Stimme und den Text – in was für einer Form auch immer – fokussieren. Und schließlich machte Ondřej Adámeks Seven Stones praktisch erlebbar, wie es sich anhören kann, wenn menschliche Stimme und Text auf innovative Weise zur ausgeklügelten Textur des Werkes werden. Nicht alles in dieser Produktion ist perfekt. Dieser Anspruch wäre auch nicht zielführend. Aber sie ist mutig, konsequent, spielerisch und von einer mitreißenden Musikalität. Sie hat eine Vision.

Ulrich Stöcker: Seven Stones klang für mich wie ein Versuch, die Sprache aus ihrer Funktion als Kommunikationsmedium herauszulösen und den klanglichen Gehalt jedes Satzes, jedes Wortes, jeder Silbe auszuloten, um das Stück aus den Wortfetzen wieder zusammenzusetzen und die Handlung darin einzubetten. So verspielt wie Adámek uns im Interview seine Kompositionstechnik nähergebracht hat, so spielfreudig geht er in seiner Komposition vor. Oper a capella ist das Werk überschrieben, das so gänzlich unopernhaft daherkommt. Eher wie eine „szenische Symphonie aus Silben“?

Marie-Sünje Schade: Nach dem Ende von Seven Stones laufen wir nach draußen in Richtung des Boulevards Cours Mirabeau. Public Viewing überall, Frankreich wird Fußballweltmeister. Wir sind begeistert, tanzen mit „les bleus“ auf den Straßen von Aix und feiern mit ihnen gemeinsam ihren sportlichen Erfolg. Dabei kommen mir auch die Worte von Bernard Foccroulle aus unserem Gespräch mit ihm in den Sinn: „Interkulturelle und partizipative Kulturprojekte sind die beste Abwehr gegen Nationalismus und Abschottung.“ Er hat recht.

Der Artikel erschien im Oktober 2018 in der con moto, Ausgabe 2018/2019.
Die letzten Ausgaben der con moto finden Sie hier.

 

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