Akademie Musiktheater heute

“Über Musikvermittlung” – Im Gespräch mit John Kevin Edusei und Cornelius Meister

Interview

Die Kulturmanagerin Regina Stöberl traf die Dirigenten Cornelius Meister und John Kevin Edusei zum Gespräch und fragte nach: Braucht klassische Musik heutzutage eine spezielle Vermittlung?

John Kevin Edusei © Marco Borgreve

Als Dirigent interpretieren Sie und richten sich mit Ihrer Aussage direkt ans Publikum. Ist das Erklären von Musik eigentlich notwendig? Musik spricht doch für sich selbst, oder?

Kevin John Edusei: Ja, unbedingt. Musik spricht immer für sich selbst und wirkt im Augenblick ihres Erklingens. Diese eigentliche und unmittelbare ästhetische Erfahrung steht über allem und muss deshalb auch immer im Fokus aller Bemühungen um sie sein. Insofern ist z. B. der Terminus „Musikvermittlung“ in meinen Augen etwas unglücklich. Er attestiert der Musik ein Defizit und suggeriert, es gäbe etwas zu vermitteln. Dabei ist das Erklären von Musik im engeren Sinne nicht nötig und streng genommen auch nicht möglich. Trotzdem kann natürlich eine kluge Musikvermittlung das Erlebte bereichern und vertiefen und auch uns Interpreten neue Zusammenhänge aufzeigen. Wir begehen dabei nur zu oft den Fehler, aus einer Vermeidungsstrategie heraus die unmittelbare Erfahrung aus Angst vor Konfrontation abmildern zu wollen. Ästhetische Erfahrung bedeutet aber immer Konfrontation.

Cornelius Meister: Obwohl es mittlerweile eine ganz andere Auffassung gibt über die Aufgaben eines Orchesters und eines Dirigenten als noch vor zwanzig Jahren, ist die Verwendung der Begriffe „Musikvermittlung“ oder „Educationprogramm“ seltsam unscharf. Ich verstehe meine Funktion als Dirigent folgendermaßen: Ich biete unterschiedliche Programme an, die unterschiedliche Menschen ansprechen: unterschiedlich alte Menschen; Menschen mit unterschiedlichem Musikgeschmack; Menschen, die gern still in einem Konzertsaal sitzen, und Menschen, die andere Aufführungsformen bevorzugen; Menschen, die zusätzliche Informationen zu den Werken erhalten möchten – sei es durch ein Programmheft, sei es durch eine Einführungsveranstaltung vor dem Konzert, sei es im Konzert selbst, zum Beispiel durch den Dirigenten. „Ist das Erklären von Musik notwendig?“ – Notwendig ist es nicht, aber dem einen hilft es und der eine mag es; andere lassen sich lieber verzaubern ohne eine außermusikalische Hilfe. Es ist schön, dass wir in der heutigen Zeit unterschiedliche Wünsche erfüllen können.

In letzter Zeit entstehen immer neue Vermittlungsprogramme sowohl im Konzert- als auch im Theaterbereich. Was genau ist Ihrer Meinung nach an einem Konzert „vermittlungsbedürftig“ und welche Zielgruppe müsste/sollte wie angesprochen werden?

CM: Das hängt ganz davon ab, wo auf der Welt ich mich befinde. Ich habe Konzerte vor Menschen gegeben, die noch nie zuvor ein Orchester gesehen und gehört hatten. Sie werden andere Fragen mit sich herumtragen als ein Zuhörer, der jede Woche dreimal ins Konzert geht. Vielen Konzertbesuchern geht es aber vor allem darum, zu erfahren, warum sich ein Interpret für die Aufführung genau dieses Stücks entschieden hat. Wenn der Interpret seine Begeisterung zusätzlich in seinen eigenen Worten vermittelt, mag dies die Zuhörer gleichermaßen ansprechen – unabhängig davon, wie oft sie schon in einem Konzert waren. Wenn mir ein Konzertbesucher sagt, dass er dieses oder jenes Werk überhaupt nicht mochte, versuche ich ihm weitere Informationen zu geben, ihm etwas zu vermitteln, damit er wenigstens noch einmal darüber nachdenkt oder aber sich sogar das Stück ein weiteres Mal anhört.

KJE: Wir erleben heute bei unserem Publikum, dass viele Grund lagen, die wir bislang für eine lebendige Musikerfahrung der westeuropäischen Musik der letzten Jahrhunderte bis heute von hohem Wert erachtet haben, mehr und mehr schwinden. In den Familien wird weniger musiziert, weniger Musik gehört, und die klassische Musiktradition ist medial deutlich weniger präsent als noch vor 50 Jahren. So eine oft gehörte Mahnung.

Es entspringt also einem konservativen Impuls, den ich durchaus auch an mir selbst feststelle, auf diese Grundlagen weiterhin hinzuweisen und die gute alte Zeit bewahren zu wollen. Wenn man etwas genauer hinschaut, sieht man aber, dass sich die Voraussetzungen für unser Musikschaffen in einem ständigen Änderungsprozess befinden – das war schon immer so und ist eine der Grundvoraussetzungen für den Fortschritt in der Kunst. Die Klassische Musik ist heute vielleicht so lebendig wie nie zu vor. Sie findet aber nicht mehr ausschließlich im Abonnement-Konzert am Freitagabend statt. Deshalb kann ich nicht nachvollziehen, warum Veränderungstendenzen fast ausschließlich negativ konnotiert werden. Von einer vermeintlichen Krise der Klassischen Musik ist dann die Rede und von leeren Konzertsälen. Wenn uns an einer lebendigen Weiterführung der Klassischen Musik gelegen ist, ist es unsere Pflicht als Interpreten, Veränderung offen und kreativ zu begegnen und unseren Blick nach vorne zu richten.

Im Konzertbereich sind wir total verkrusteten Formaten verhaftet. Das Symphoniekonzert entspricht in fast unveränderter Form noch immer der Tradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Kein Wunder, wenn unser heutiges Publikum den Bezug zu Ouvertüre-Instrumentalkonzert-Zugabe-Pause-Häppchen-Toilette-Symphonie verliert. An den Formaten ist mittlerweile eigentlich schon alles „vermittlungsbedürftig“ geworden. Vermittlungsprogramme können dann nicht mehr retten, was nicht zu retten ist. Es wird höchste Zeit, dass wir die überlieferten Formate überdenken. Aber doch bitte nicht nur die Inhalte! Um einen unumstößlichen Grundsatz kommen wir nämlich nicht umhin: Das, was wir machen, hat einen gewissen Anspruch und ist größtenteils auch schwierig: schwierig zu komponieren, schwierig auszuführen und schwierig zu rezipieren. Und darum so unglaublich schön!

Welche Formen von Vermittlungsprogrammen bietet Ihr Orchester an? Wo liegen für Sie als Orchesterleiter die Herausforderungen in Bezug auf Ihr Publikum?

CM: Sowohl während meiner Zeit als Heidelberger Generalmusikdirektor (2005–2012) als auch seit 2010 mit dem ORF RadioSymphonieorchester Wien (RSO) hatte und habe ich großes Glück: In beiden Städten lebt eine kulturbegeisterte Bevölkerung. Außerdem besuchen Menschen aus dem In- und Ausland gern Heidelberg und Wien und gehen dabei ins Konzert oder in die Oper. Aber ich mache diese Erfahrung auch, wenn ich als Gast in anderen Städten dirigiere, in denen ein attraktives Programm angeboten wird und der Veranstalter einen frischen Kontakt zu seinem Publikum pflegt. In diesen Städten sind die Aufführungen gut besucht; dort mache ich mir keine Sorgen um das Publikum in zehn Jahren. In Wien bieten wir ein umfangreiches Programm für alle Altersklassen an, aber wir kümmern uns auch um den eigenen Nachwuchs: indem das RSO jährlich die Diplom-Prüfungen der Dirigierstudenten spielt und bereits vor beinahe zwanzig Jahren eine eigene Orchesterakademie ins Leben gerufen hat.

KJE: Die Münchner Symphoniker arbeiten seit zwei Jahren sehr eng mit dem Studiengang Master Musikvermittlung der Hochschule für Musik Detmold zusammen. Gemeinsam mit Lehrenden und Studierenden entwickeln wir ständig neue Kinderkonzert-Formate, in denen wir Grenzen verschieben wollen. Natürlich bieten wir auch die bei Schulklassen sehr beliebten Probenbesuche an. Bei uns dürfen die Kinder wirklich auf Tuchfühlung mit den Musikern gehen. Ganz besonders sind in diesem Zusammenhang auch die Erfahrungen, die wir mit den Kindern des Zentrums für Gehörlose gesammelt haben. Auch für uns ein ganz wichtiger Reflexionspunkt unseres Tuns.

In unserer Abonnement-Reihe im Münchener Herkulessaal tauschen unsere Intendantin Annette Josef und ich 30 Minuten vor Anfang jedes Konzerts auf einer „Gelben Couch“ unsere zuweilen chaotischen Gedanken zu unseren Programmen aus. Unser Publikum laden wir ein, uns über spezielle Postkarten Feedback zu unserem Tun zu geben. Diese Art des Austauschs macht unglaublich viel Freude. Am 25. September 2015 hat die Kooperation mit der Münchener Hip-Hop-Formation Einshoch6 in der Philharmonie im Gasteig Premiere. Wir haben gemeinsam mit der Band über einen längeren Zeitraum Stücke entwickelt und aufgenommen. Das Konzert richtet sich vorwiegend an Hip-Hop-Fans, enthält aber auch eine gute Portion reiner Orchestermusik. Von Hector Berlioz über Gustav Mahler und Igor Strawinsky bis hin zu John Adams gibt es die volle, ungeschönte Klassik-Breitseite. Darauf bin ich sehr gespannt.

Wird bei Ihrem Orchester die Musikvermittlung aus dem Hauptprogramm heraus geplant oder wird sie getrennt entwickelt und dann mit dem Hauptprogramm verzahnt?

KJE: Sowohl als auch. Wir verfahren diesbezüglich mehrgleisig. So entstehen vielfältige Bezüge zwischen den ganz unterschiedlichen Formaten und Hörerschaften.

CM: Auch wir arbeiten in beide Richtungen. Beim RSO Wien setze ich mich seit 2010 dafür ein, nicht nur in unseren Abo-Konzerten, auf ausgedehnten Tourneen und bei CD-Produktionen stets möglichst die höchste Qualität zu erreichen, sondern es ist mir ebenso wichtig, dass wir auch bei unseren Angeboten für Kinder und Jugendliche unser Bestes geben. Regelmäßig führen wir eigens dafür einstudierte Werke in Konzerten für junge Zuhörer auf, zuletzt „Rendering“ von Schubert-Berio. Aber wir laden auch Schulklassen dazu ein, uns im Funkhaus zu besuchen, wenn wir ihnen ein Werk nahebringen und erläutern, das wir sowieso gerade für ein Abonnementskonzert proben. Die Besuche beim Orchester können Schülerinnen und Schüler oft mit weiteren Angeboten verbinden: dem Besuch des Tonstudios, Gesprächen mit Musikern und dergleichen mehr.

Eine persönliche Frage: Wie haben Sie Ihre Begeisterung für Musik entdeckt? Sind Sie auch durch eine Art von Vermittlung „auf die Musik“ gekommen?

CM: Als kleiner Junge lag ich oft unter dem Flügel, wenn meine Mutter Klavierunterricht gegeben hat. Auch bei meinem Vater, der Klavierprofessor an der Hannoverschen Musikhochschule war, habe ich oft zugehört. Alles Mögliche habe ich als kleines Kind gehört: von einer Schallplatte mit Kinderliedern bis zu Bruckner-Symphonien. Was Kinder mögen oder was „kindgerecht“ ist, beurteilen sie selbst häufig anders, als Erwachsene denken.

KJE: Klassische Musik hat in meiner Familie und meinem direkten Umfeld einen sehr hohen Stellenwert gehabt. Ich habe schon im frühen Kindesalter erlebt, mit welcher ungeheuren Kraft Musik Menschen in einen Zustand der Entrückung versetzen kann. Das ist wahrscheinlich die ureigenste Form von Musikvermittlung.

Die Fragen stellte Regina Stöberl.

Das Interview erschien im Oktober 2015 in der con moto, Ausgabe 2015/2016.
Die letzten Ausgaben der con moto finden Sie hier.

John Kevin Edusei

John Kevin Edusei

Wurde 1976 geboren. Seit Beginn der Saison 2014/15 ist er Chefdirigent der Münchner Symphoniker, zudem seit der Spielzeit 2015/16 Chefdirigent am Konzert Theater Bern. Einladungen führten ihn als Gastdirigent ans Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, der Sächsischen Staatsoper Dresden, des Philharmonia Orchestra London, der St. Petersburger Philharmoniker, der Volksoper Wien und des Ensemble Modern Frankfurt. Von 2005 bis 2007 war er Stipendiat der Akademie Musiktheater heute. Zur Website

© Marco Borgreve

Cornelius Meister

Cornelius Meister

Wurde 1980 geboren. Von 2001 bis 2003 war er Stipendiat der Akademie Musiktheater heute. Mit 21 Jahren debütierte er an der Hamburgischen Staatsoper, es folgten Einladungen an die Bayerische Staatsoper, die Semperoper Dresden, das New National Theatre Tokyo und The Royal Danish Opera. Von 2005 bis 2012 war er Generalmusikdirektor in Heidelberg. Seit 2010 ist er Chefdirigent des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien (RSO). 2018/2019 wird er Generalmusikdirektor an der Oper Stuttgart. Zur Website

© Marco Borggreve

Regina Stöberl

Regina Stöberl

Wurde 1982 geboren. Seit 2013/2014 leitet sie das Chorbüro der Bayerischen Staatsoper. Zuvor war sie Mitarbeiterin im Chorbüro und Vertretung der Administration des Bayerischen Staatsballetts. Sie absolvierte ein Masterstudium Kultur- und Musikmanagement an der Hochschule für Musik und Theater München und ein Magisterstudium der Musikwissenschaften, Soziologie und Europäischen Ethnologie an der Universität Augsburg. Von 2014 bis 2016 war sie Stipendiatin der Akademie Musiktheater heute.

Foto: privat

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