Akademie Musiktheater heute

“Neue Musik aus Mexiko” von Diana Syrse Valdés Rosado

Bericht

Die Komponistin Diana Syrse Valdés Rosado beschäftigte sich mit Neuer Musik in Mexiko. Sie berichtet über die vielfältige Musikszene, über Festivals für Neue Musik und darüber welche Rolle zeitgenössische Musik an den Universitäten und Hochschulen spielt.

© Alexis Tostado (CC0) via Unsplash

Mexico-Stadt ist eine Riesenstadt mit mehreren Millionen Einwohner/innen, in der man auf eine der weltweit lebendigsten Szenen für zeitgenössische Musik trifft. Die mexikanische Komponistin Diana Syrse Valdés Rosado (AMH 16 – 18) gibt einen Einblick in diese spannende musikalische Welt.

Mexiko ist Inspiration. Strawinsky, der 1940 erstmals nach Mexiko reiste, schwärmte in einem Radiointerview vom Verständnis und Gefühl, welches das mexikanische Publikum seiner Musik entgegenbrachte. Historisch betrachtet lag der Fokus der „klassischen Musik“ jedoch stets auf der Musik, die in westlichen Ländern entstand. Vielleicht ist nun der Zeitpunkt gekommen, den Blick zu weiten und zu sehen, was sich außerhalb der westlichen Kultur musikalisch/künstlerisch entwickelt. Ein solcher Perspektivwechsel würde unsere künstlerische Landschaft sicherlich in hohem Maß bereichern.

Heute leben in Mexiko 127 Millionen Menschen, allein in Mexiko-Stadt 21.321.000. Die Sprache ist dabei ein Hindernis, um die künstlerischen Entwicklungen und das Facettenreichtum der Kunst in Mexiko einem breiten Publikum zugänglich zu machen. In den Sechzigerjahren gab es einen regelrechten Boom an lateinamerikanischer Literatur und Musik. Aber trotz der künstlerischen Vielfalt fanden die Werke vieler Komponist/innen keine Anerkennung im westlichen Musikkanon. In Mexiko mangelt es dem nach nicht an Kreativität und künstlerischem Engagement. Eines der größten Probleme der Neuen Musik in Mexiko liegt vielmehr an den geringen Möglichkeiten der Verbreitung. So konnte einer der im Ausland bekanntesten mexikanischen Komponisten, Silvestre Revueltas (1899), kein einziges seiner Werke zu Lebzeiten ver öffentlichen. Erst drei Jahre nach seinem Tod erwarb seine Schwester die Rechte an allen Manuskripten und veröffentlichte seine Werke in den USA.

Mexiko ist ein sehr eklektisches Land

„Die Neue Musik in Mexiko ist sehr vielfältig, da die Professoren, die an den Universitäten und kulturellen Zentren lehren, in unterschiedlichen Teilen der Welt studiert haben und mit unterschiedlichen Perspektiven und ästhetischen Formen zurückkehren. Mexiko ist ein sehr eklektisches Land, es hat eine große Kultur und eine große Geschichte“, äußerte sich der Komponist Horacio Uribe, ehemaliger Koordinator des Musik- und Opernprogramms des Staatlichen Instituts der Schönen Künste, in einem mit mir geführten Interview. In Mexiko-Stadt kann man an verschiedenen Einrichtungen wie Universitäten, Privatschulen und Kunstschulen musikalische Komposition studieren. Eine der herausragenden Institutionen ist die Fakultät für Musik an der Nationalen Autonomen Universität Mexiko.

Trotz der existierenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme in Mexiko konnten sich verschiedene Einrichtungen und Festivals für Neue Musik etablieren. Institutionen wie das CMMAS (Mexikanisches Institut für Musik und Tonkunst), Festivals wie das Foro de Música Nueva (Forum der Neuen Musik) sowie das Festival Internacional Cervantino oder das Festival Instrumenta Oaxaca bieten Komponist/innen aus aller Welt die Möglichkeit, ihre Werke vorzustellen. Präsentiert werden diese in Theatern, Konzertsälen sowie in Cafés oder unter freiem Himmel in Form von Installationen, Happenings, Performances oder als Teil von Konferenzen oder Symposien.

„Interessant beim Cervantino ist, dass man hier keineswegs einen Schwerpunkt auf Althergebrachtes setzt, sondern ganz bewusst zeitgenössische Musik in allen Formen zu einem zentralen Bestandteil des Programms macht. So ist eigentlich fast an jedem Tag des Festivals zeitgenössische Musik zu hören. (…). Ich persönlich habe tatsächlich noch nirgendwo auf der Welt eine so professionelle und liebevolle Künstlerbetreuung wie beim Cervantino-Festival erlebt (…).“ schreibt der Komponist Moritz Eggert.

“Die musikalische Produktion ist sehr vielfältig”

Mexikanische Musik ist stark beeinflusst von afrikanischer Musik und häufig mit indigener und europäischer Musik vermischt. Die Verwendung komplexer Rhythmen und Mikrotonalität ist für viele Erscheinungsformen in der mexikanischen Musik kennzeichnend. Mitunter werden indigene und handgefertigte Instrumente verwendet, die in Deutschland nicht zu finden sind. Dazu gehören zum Beispiel verschiedene Schlaginstrumente wie Huehuetl, Ayoyotes, Teponaztli sowie verschiedene Arten von Ocarinas.

In Mexiko wird keine klare Unterscheidung zwischen „E-Musik“ und „U-Musik“ gemacht: Klangkunst, mikrotonale Musik, freie Improvisation, Kompositionen mit neuen Technologien mit unterschiedlichen Notensystemen verschmelzen häufig miteinander. Es gibt auch akusmatische Kompositionen mit strukturellen Prinzipien, die auf der Modellierung von Notenschriften der traditionellen Musik basieren. Ein Beispiel hierfür sind die Werke der jungen Komponistin Sabina Covarrubias.

„Die musikalische Produktion ist sehr vielfältig und bereichert in einer großen Bandbreite und mit unterschiedlichen Stilen und Formen musikalische Erscheinungsformen“, meint der mexikanische Komponist Leonardo Coral in einem Interview, das ich mit ihm geführt habe. Der Schwerpunkt scheint stärker auf der Entwicklung einer eigenen, authentischen und persönlich geprägten musikalischen Sprache zu liegen und sich weniger an einer bestimmten Ästhetik oder Machart zu orientieren. Inhaltlich sind die Kompositionen von einer großen thematischen Vielfalt inspiriert, aber mit der starken Tendenz, die sozialen Missstände Mexikos zu thematisieren. So werden Themen wie Gewalt, Drogenhandel oder Migration musikalisch aufgegriffen. Die Opern Arrasados von Rogelio Sosa und meine Oper Marea Roja setzen sich beispielsweise mit Frauenmorden auseinander. Die Oper Únicamente la Verdad von Gabriela Ortiz thematisiert den Drogenhandel zwischen Mexiko und den USA. Mexiko ist ein komplexes Land mit einem großen kulturellen Erbe, das eine aktive künstlerische Gemeinschaft hat, die auf die sozialen Situationen ihrer Umgebung reagiert.

Staccato-Chor © Sebastián Anaya

Kulturförderung

Kultur wird seitens der Regierung über Universitäten wie die UNAM und Institutionen wie CONACYT oder FONCA, die dem Kultusministerium unterstehen, gefördert. Das FONCA bietet mehrere Förderprogramme für Kunstschaffende, darunter Auslandsstipendien oder das Sistema Nacional de Creadores sowie das Programm Jóvenes Creadores. Im Rahmen des Förderprogramms Sistema Nacional de Creadores erhält ein/e Komponist/in für den Zeitraum von drei Jahren ein Stipendium in Höhe von 1.500 € (30.000 Pesos) monatlich. Das Förderprogramm für junge Künstler/innen Jóvenes Creadores richtet sich an 120 junge Talente zwischen 18 und 34 Jahren aus den Bereichen musikalische Komposition, Choreografie, Theater- und Filmregie, Literatur und Bildende Kunst. Sie erhalten ein einjähriges Stipendium zur Durchführung von Kunstprojekten. Stipendiat/innen, die zwei Jahre hintereinander ausgewählt werden, müssen einen sozialen Dienst für die Gemeinschaft leisten, der im Zusammenhang mit dem jeweiligen Fach bereich steht. Im Rahmen des Programms werden individuelle Tutorien angeboten, Meetings für junge Künstler/innen organisiert und die interdisziplinäre Zusammenarbeit gefördert. Dreimal im Jahr treffen sich die Stipendiat/innen an verschiedenen Orten des Landes und bekommen die Gelegenheit, ihre Projekte vorzustellen und sich auszutauschen. Aus diesen Treffen entstehen häufig Gemeinschaftsprojekte.

Zu den herausragenden Ensembles, deren Fokus auf Neuer Musik liegt, gehören unter anderem CEPROMUSIC Ensemble, Liminar, Onix, Staccato Chor, Lumínico und Túumben Paax. Allerdings gibt es nur einige wenige professionelle Ensembles für Neue Musik. Komponist/innen arbeiten meist neben dem Studium in verschiedenen Jobs, die oft nichts mit Musik zu tun haben. Sie können sich somit häufig nicht hundertprozentig auf ihre Karriere konzentrieren. Auch der Zugang zu Übungsstudios und Übungsräumen ist schwierig. Trotz dieser Probleme schaffen einige Komponist/innen den Weg in den internationalen Wettbewerb. Ein Beispiel ist Víctor Ibarra, der dieses Jahr den The Basel Composition Competition in der Schweiz gewonnen hat. Viele junge Student/innen, die in Deutschland Komposition studieren, bleiben hier, da das musikalische Ausbildungsniveau sehr hoch ist. Dies hindert sie jedoch daran, einen Einblick in andere künstlerische Ansätze zu bekommen. Erst durch die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Stilen erweitert sich das Spektrum an künstlerischen Möglichkeiten. So be schreibt meine AMH-Mitstipendiatin Martina Elmer (AMH 16  – 18) ihre Studienzeit an der Fakultät für Musik in Mexiko-Stadt: „Es gab ganz selbst verständlich Kompositionsunterricht für alle, nicht nur Tonsatzlehre, sondern ein natürlich in das Studienleben integriertes Experimentieren und Kreieren von neuer Musik, ohne dass diese als Neue Musik gelabelt hätte werden müssen. In den vielen Pausen hat man sich im Innenhof der Musikhochschule zum Jammen getroffen. Musikstudenten, die in klassischen Fächern eingeschrieben waren, haben zusammen improvisiert (…) Alle haben Musik gemacht.“

Verschiedene Perspektiven

Die mexikanische Kunst hat etwas Salz und Chili, beißt, tut weh, erfreut, lässt dich verlieben, und du kannst sie leben mit jeder Pore deiner Haut. Sie ist ein Geschöpf mit tausend Köpfen voller Farben, Geschmäcker und Perspektiven. Ich bin ein Kind dieser Mischung aus Kulturen, Musik, Rhythmen, Poesie und Leichtigkeit. Als Stipendiatin der Akademie Musiktheater heute beobachte ich die europäischen Künstler/innen als Teil einer künstlerischen Geschichte, die kontrovers diskutiert, geteilt und geliebt wird und zugleich das eigene Wissen bereichert. Diese Geschichte bildet den Hintergrund für die heutigen Künstler/innen, aber sie definiert diese nicht, denn jede/r neue Künstler/in kommt als Individuum auf die Welt und sucht nach der eigenen Stimme. Man muss die eigene Stimme finden, die einen als junge/n Künstler/in definiert, und zu gleich die Welt dieser Kunst bereichern.

Der Artikel erschien im Oktober 2017 in der con moto, Ausgabe 2017/2018.
Die letzten Ausgaben der con moto finden Sie hier.

Diana Syrse Valdés Rosado

Diana Syrse Valdés Rosado

Wurde 1984 geboren. Sie absolvierte einen Master im Performer-Composer-Programm am California Institute of the Arts und studierte im Anschluss an der Hochschule für Musik und Theater München. Sie ist als freischaffende Komponistin und Sängerin tätig. Aufträge und Auszeichnungen erhielt sie unter anderem von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Landeshauptstadt München, der Künstlerresidenz des Banff Center (Kanada) sowie der FONCA (Mexiko). Sie ist von 2016 bis 2018 AMH-Stipendiatin. Zur Website

Foto: privat

 

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