Akademie Musiktheater heute

“Kultureller Hochleistungssport” von Mara Ruth Käser

Bericht, Workshop

2017 war die Akademie Musiktheater heute (AMH) zu Besuch bei den Salzburger Festspielen. Die Kulturmanagerin Mara Ruth Käser berichtet von ihren Eindrücken und erklärt, warum sich die Arbeit des südafrikanischen Künstlers William Kentridge wie ein roter Faden durchs Programm der Festspiele zieht.

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Ein kulissenhaftes Gemisch aus Glockengeläut, Pferdekutschen und japanischen Sound-of-Music-Einlagen empfängt die aktuellen Jahrgänge der Akademie Musiktheater heute (AMH) bei 30° C in Salzburg. Die Tage des Sommer-Workshops 2017 sind gefüllt mit inspirierenden Begegnungen, einer Debatte über bildende Künstler/innen in der Oper sowie mit Einsichten in die technische sowie wirtschaftliche Maschinerie der Salzburger Festspiele.

Das Festspiel – im Ursprung ein im 18. Jahrhundert zu verortender literarischer Gattungsbegriff für ein anlassbezogenes Theaterstück – bezeichnet heute ein zeitlich abgegrenztes, kulturelles Gemeinschaftsereignis mit starkem Identifikationspotenzial. Dieses Potenzial bieten insbesondere die Salzburger Festspiele, welche im Gegensatz zu vielen Festivals der 1990er Jahre über einen regelrechten Gründungsmythos im europäischen Geist verfügen. In Abgrenzung zum Festival tendieren Festspiele eher zum Konservatismus, der sich auf die Themenkomplexe Nation, Erinnerung und die Aufgabe zu dauerhafter ästhetischer Spitzenleistung gründet. Für diese Spitzenleistung sieht sich die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, verantwortlich. Man sage ihr Erfolg nach, so die Festspielpräsidentin in einem Interview mit dem FOCUS Magazin im Jahr 2006. Die Zeit gibt ihr Recht: 2017 ist sie nun schon über zwanzig Jahre oberste Repräsentantin der Salzburger Festspiele und begrüßt die AMH in den Räumlichkeiten der Hofstallgasse. Das Gespräch zeigt: Kunst, Geld und Macht sind eng verquickt in Salzburg. Von den Salzburger Festspielen und ihren Gästen wurde im Jahr 2015 beispielsweise ein Nachfrageimpuls in der Höhe von 141 Millionen Euro in die Stadt und das Salzburger Land gesetzt. Kulturökonomisch sind damit die Festspiele, welche einst von Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt in einem europäischen Geist gegründet wurden, ein wichtiger Akteur für Region und Land. Die Festspiele bieten nach wie vor eine Plattform für die Mechanismen der Repräsentation und Distinktion eines bestimmten sozialen Milieus. Die Positionierung der Festspiele auf dem höchsten künstlerischen Niveau sowie zwischen Tradition und Moderne stellt eine konstante Herausforderung dar. Da ist die Thematik der Festspiele 2017, welche sich ganz um die Themen Macht, Machtbeziehungen und -verlust dreht, sehr passend gewählt.

Kein Unbekannter in Salzburg

Markus Hinterhäuser baut in seiner ersten Spielzeit als Festspielintendant ein inhaltliches Programm, unter anderem mit Mozarts Titus, Verdis Aida, Reimanns Lear, Schostakowitschs Lady Macbeth und Bergs Wozzeck; insgesamt sind es in diesem Sommer zehn Opern, 79 Konzerte und fünf Theaterstücke in 41 Tagen. Der Pianist und Kulturmanager, der jeden Tag auf dem Festspielgelände zu sehen ist, mal am Rauchen mit Technikern, mal im Gespräch mit Sänger/innen oder Besucher/innen, ist kein Unbekannter in Salzburg. Anfang der Neunzigerjahre war es aber noch nicht abzusehen, dass er ab 2017 fünf Jahre die Geschicke der Festspiele – von ihm einst als „Kulturkreml“ bezeichnet – als Intendant leiten sollte. Zusammen mit Tomas Zierhofer-Kin gründete er im Jahr 1993 das Zeitfluss-Festival in einem Salzburger Programmkino. Zunächst eigenständig, wanderte das Zeitfluss-Festival nach und nach als zeitgenössisches Beiboot zum Riesentanker Salzburger Festspiele.

Nicht nur Markus Hinterhäuser verbindet eine langjährige Geschichte mit den Salzburger Festspielen, sondern auch die AMH. Diese gründet auf einer Initiative von Viktor Schoner und Titus Engel, die in den Jahren 2000/2001 im Rahmen der Salzburger Festspiele selbst Workshops veranstalteten und die Unterstützung Gerard Mortiers dafür gewannen. 2002 fand dann im Rahmen der Festspiele der erste Workshop der von der Deutsche Bank Stiftung geförderten AMH statt. In den folgenden Jahren fuhren die Stipendiat/innen regelmäßig zu den Salzburger Festspielen, bis die Akademie sich im Sommer 2008 anderen Festivals zuwandte. Es schließt sich eine Klammer, wenn der jetzige Jahrgang nach zehn Jahren wieder nach Salzburg kommt.

Wie ein roter Faden durchs Programm

Eine andere Klammer des Sommer-Workshops bildet William Kentridge (*1955), dessen künstlerisches Schaffen sich wie ein roter Faden durch das Programm zieht. Der Südafrikaner gehört zu den international bedeutenden zeitgenössischen bildenden Künstlern. Darüber hinaus arbeitet er als Filmemacher und Regisseur. Er schuf unter anderem für Monteverdis Oper Il ritorno d’Ulisse in patria (1998, in Zusammenarbeit mit der Handspring Puppet Company aus Kapstadt), Dmitri Schostakowitschs Oper Die Nase (2010) und Alban Bergs Lulu (2015) das Bühnenbild und führte Regie. Im Mittelpunkt seiner künstlerischen Ausflüge in den Bereich des Musiktheaters steht die bildnerische, installative Arbeit, welche er in Salzburg auch auf Alban Bergs Wozzeck anwendet. Der visuelle Zugriff versetzt die Zuschauer/innen in eine assoziative Bildkammer: Die Bühne ist gefüllt mit Stühlen verschiedener Art, Krankenhausutensilien, verschmutzter Kleidung, Tischen, Lampen und Skulpturen. Über diese sowie über eigens arrangierte Leinwände flackern mit Beginn der Musik Skizzen und Kohlezeichnungen, die an die Darstellungen des Ersten Weltkriegs eines Otto Dix erinnern. Kentridge deutet das Schicksal Wozzecks vor dem Hintergrund der Kriegserfahrung Alban Bergs und schlägt einen Bogen zu seinen persönlichen großen Themen Heimat, Flucht, Migration und Diskriminierung. Der Besuch der Vorstellung wurde durch einen Impulsbeitrag der Stipendiatin Luise Kautz (Sparte: Regie) und ein Gespräch mit dem musikalischen Leiter des Salzburger Wozzeck, Vladimir Jurowski, vorbereitet. Die Diskussion griff schnell das Thema auf, welchen Sinn es gebe, bildende  Künstler/innen für die Oper zu engagieren. Der Effekt einer begehbaren Installation, der des räumlichen Erlebens einer Bildwelt, welcher sich bei den Werken im Rahmen der bildenden Kunst bei Kentridge ergibt, entfällt bei einer Operninszenierung zugunsten einer Guckkastenbühne. Inwiefern ist dann das Bildnerische nur noch dekorativ, inwiefern stehen die Mittel dann nur für sich, ohne in einen Dialog miteinander zu gehen? Die Erwartungshaltung, die sich mit dem Engagement eines musiktheaterfremden Künstlers verbindet, ist die Hoffnung auf eine Erneuerung der Gattung Oper beziehungsweise ein frischer Blick auf diese. Häufig, so die Meinung des Plenums, scheitere eine Erneuerung jedoch daran, dass die Mittel der Oper nicht ausgeschöpft, sondern nur konventionell bedient würden, und statt auf Handwerk auf internationale Marken gesetzt werde.

Ein Mann, der sein Handwerk definitiv beherrscht, bescherte den AMH-Stipendiat/innen der Jahrgänge 2015-2017 und 2016-2018 zwei atemlose Stunden, trotz der drückenden Schwüle im Seminarraum. Vladimir Jurowski – seit dem 1. September 2017 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin – bekannt für eine rasante Karriere, eine ausgeprägte Musikalität und experimentierfreudigen künstlerischen Einsatz, sprach über seine Herkunft, über Teamarbeit in der Oper und seinen persönlichen künstlerischen Ansatz. Er wolle an den Orten, an denen er arbeite, die Musiker/innen sowie das Publikum aus der Komfortzone führen, „ich mache an jedem Ort das, was fehlt.“ In der Zusammenarbeit mit Kentridge sei insbesondere die Suche nach der Motivation der Figuren spannend gewesen. Als Regisseur habe Kentridge einen biomechanischen Ansatz, folge also ganz und gar nicht einer Logik der Figurenführung eines Stanislawskis. Die inneren Vorgänge der Figuren, ihre Seelenwelt, finde jedoch laut Jurowski Ausdruck in der Musik. So kam es während der Proben zu einem konstruktiven Austausch zwischen musikalischer Leitung und Regie. Jurowski selbst pendelt zwischen einer Premium- und Off-Theaterwelt, zwischen zeitgenössischem und klassischem Repertoire. So endet das Gespräch auch mit dem Aufruf, die eigenen Vorstellungen in wechselnden Konstellationen umzusetzen: „Wartet nicht, bis die Berliner Philharmoniker zu euch kommen, macht euer eigenes Ding!“

Diese doppelbödige 15. Symphonie

Zwar kommen die Berliner Philharmoniker nicht zum AMH-Workshop, aber doch in das Große Festspielhaus, mit der ersten und letzten Symphonie Dmitri Schostakowitschs. Ein musikalischer Höhepunkt der Woche, da sind sich die Stipendiat/innen aller Sparten einig. Diese doppelbödige 15. Symphonie, von Schostakowitschs Sohn Maxim als eine Autobiografie „von der Geburt bis zum Tode“ (Programmheft Salzburger Festspiele) bezeichnet, führt die Zuhörer auf falsche Fährten, verwirrt mit surrealen Klängen der Tomtoms, Trommeln, Kastagnetten und Triangeln und hinterlässt einen schließlich staunend über die weise Haltung am Ende eines bewegten Lebens. Zwischen Geburt und Tod liegt die Kindheit und diese wird von Theatern, Festivals und Festspielen als prägende Zeit zur kulturellen Bildung identifiziert. AMH-Alumna Elena Tzavara, Leiterin der Jungen Oper Stuttgart, ist die Regisseurin der Festspiel-Neuproduktion Der Schauspieldirektor, für Kinder ab sechs Jahren. Im Gespräch gelingt es ihr, einen Einblick in die spezifische Arbeit für Kinder und Jugendliche zu geben. Ihr gehe es nicht darum, Opernnachwuchs für die großen Häuser heranzuziehen, sondern darum, „die Horizonte junger Menschen zu erweitern“. Schrecklich fände sie es in diesem Zusammenhang auch, große Opern im Kleinformat zu präsentieren. Gerade das junge Publikum sei außerordentlich offen und gerade neugierig auf Experimente und neue Lesarten. Offen für Experimente, das sind auch die Stipendiat/innen des aktuellen AMH-Jahrgangs. Typische Diskussionen zwischen jenen, die in konkreten Theaterbetrieben arbeiten, und jenen, die in freien Zusammenhängen produzieren, zeigen, wie schwer es ist, innovativ und gleichzeitig publikumsorientiert Musiktheater von heute zu kreieren. So war auch die Wahl, nach Salzburg zu fahren, innerhalb der verschiedenen Sparten umstritten. Ab schließend lässt sich aber sagen, dass der Workshop sehr von der Heterogenität der Stimmen und Haltungen der Teilnehmenden profitiert hat. Wo wird man nochmals so geballt kontrovers vor der echten Sound-of-Music-Kulisse diskutieren können?

Mara Ruth Käser

Mara Ruth Käser

Geboren 1990. Sie promoviert seit 2017 an der Schnittstelle von Theaterwissenschaft und Soziologie. Sie absolvierte ein Masterstudium in Theaterwissenschaft und Kulturmanagement und ein Bachelorstudium in Soziologie. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Stiftung für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit, bei der Unternehmensberatung actori sowie an der Hamburger Kunsthalle. Sie ist von 2016 bis 2018 Stipendiatin der Akademie Musiktheater heute.

Foto: privat

 

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