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Akademie Musiktheater heute

Die entfesselte Bühne – Interview mit Alexander Fahima

Interview

© Alexander Fahima

Alexander Fahima

Alexander Fahima wurde 1980 in Marburg an der Lahn geboren. Er ist als freischaffender Opernregisseur tätig und entwickelt audio-visuelle Performances. Er studierte Psychoanalyse und Philosophie in Frankfurt am Main und arbeitete als Kameramann und Redakteur für Musikvideos. Anschließend folgte ein Studium der Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. 2016 wurde er für seine Inszenierung von Frederic Rzewskis Musiktheater zu Peter Weiss’ Ermittlung am Nationaltheater Weimar mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet. Von 2009 bis 2011 war er Stipendiat der Akademie Musiktheater heute.

© Alexander Fahima

Für seine Opéra Concrète setze Alexander Fahima 15 Stunden lang eine Berliner Community während einer Hausparty in Szene und streamte das Musiktheater Rules of Attraction live auf Twitch. Im Interview mit der Akademie Musiktheater heute (AMH) spricht er über seine erste Onlineoper.

Alexander Fahima, Rules of Attraction ist Ihre erste für das Internet konzipierte Oper. Wie kamen Sie dazu ein Livestream-Musiktheater zu machen?

Ende 2020 erhielt ich die Einladung, ein Stück für die Digitalreihe Next Waves Theater der Volksbühne Berlin zu entwickeln. Das Projekt von AMH-Alumnus Tilman Hecker, Belle Santos und Selin Davasse war eine Art Labor für neue Performanceformate im digitalen Raum. Mir war sehr schnell klar, dass ich mich im Bereich Musiktheater bewegen werde und ich die Gelegenheit nutzen möchte, zu zeigen, welche neuen Freiheiten und Verantwortlichkeiten sich auftun, wenn die Oper im Internet einer veränderten Aufmerksamkeitsökonomie ausgesetzt wird.

Hinzu kam, dass ich schon seit längerem ein künstlerisches Porträt einer Berliner Community realisieren wollte. Das sind rund 20 junge queere Künstlerinnen und Künstler, die in den vergangenen Jahren aus aller Welt nach Berlin kamen und die ich im Sommer 2020 kennengelernt habe. Für Next Waves Theater kam mir dann die Idee, diese Freunde während einer Hausparty zu inszenieren und – da wir uns mitten im ersten Jahr der Coronapandemie befanden – das Ganze live zu streamen. Die Besonderheit bei Rules of Attraction ist, dass das Musiktheater aus einer einzigen Plansequenz besteht in der sich die Community selber mit Smartphones bei ihrer Inszenierung filmt.

Die Videoaufzeichnung folgt dabei streng den drei aristotelischen Einheiten: sie zeigt eine bestimmte Gruppe von Menschen an nur einem bestimmten Ort, der über einen nachvollziehbaren Zeitraum kontinuierlich gefilmt wird.

Die so entstandene audiovisuelle Erzählform, bei der ich eine solche dokumentarische Videoinszenierung in Echtzeit mit einer Oper mitsamt Untertitelung des Librettos kombiniere, bezeichne ich als Opéra Concrète.

Für Rules of Attraction haben Sie den Ring des Nibelungen von Richard Wagner ausgewählt und das Werk, das sonst nie am Stück aufgeführt wird, in voller Länge 15 Stunden lang durchgehend inszeniert. Warum gerade diese Komposition?

Oper habe ich schon vor 14 Jahren, als ich meine erste Produktion auf die Bühne gebracht habe, als Material verstanden. Das heißt, ich betrachte die Oper als ein Objekt, das ich wie ein Kurator immer wieder in neue Situationen bringe, ihr unterschiedliche Materialien an die Seite stelle oder einen Erfahrungsraum um sie herum inszeniere; indem ich sie also anwende und nicht nur anders erzähle.

Für Rules of Attraction war ich auf der Suche nach einem Stück, das einerseits ausreichend Musik und Handlung für die Dauer einer Hausparty mitbringt, aber auch genug Raum für eine solche Herangehensweise bietet.

Der Ring des Nibelungen erschien mir ideal. Es ist eine großartige Komposition mit einer „gewaltigen Architektur“ – aufgrund der schieren Länge und der weitverzweigten Erzählung. Aber das Stück besitzt vor allem auch eine Fülle an einzelnen Aspekten, Schichten und Vertiefungen, die unzählige Möglichkeiten eröffnen, etwas dazu- oder auch dagegenzustellen. Während der Performance haben wir uns fast wie Hausbesetzer gefühlt, die – durchaus mit Ehrfurcht – in den Palast eindringen.

Was war die Besonderheit bei der Regie für die Liveperformance?

Bei Rules of Attraction sind alle Beteiligten ja auch gleichzeitig ihre eigenen Produzentinnen und Produzenten, indem sie sich selbst filmen, sich selber inszenieren und dadurch das Musiktheater für das Publikum erst sichtbar machen beziehungsweise in ihre eigene Sichtweise übertragen. Ich habe für die 15-stündige Performance verschiedene Einzelsituationen parallel zum Ring des Nibelungen entwickelt und wusste zum Beispiel ganz genau, um 5 nach 24 Uhr startet der dritte Akt von der Walküre mit dem Walkürenritt.

Und dennoch lässt sich so ein Gesamtkunstwerk schwer komplett durchplanen, weil sich im Laufe der Party eine Eigendynamik entwickelt – durch das Tanzen und Feiern die Kreativität jedes Einzelnen angeregt wird – und das auch so sein sollte. Ich habe noch nie eine Produktion gehabt, bei der ich im Vorhinein so wenig sagen konnte, was dabei herauskommt; bei der ich aber wusste, ich kann mich voll und ganz auf den mit viel Überlegung geschaffenen kreativen Raum verlassen. Das ist auch das Spannende und Erfüllende, wenn ich eine Inszenierung größer denke, als nur das, was ich am Ende sehen will. So verstehe ich meine Arbeit generell. Man kann das Inszenieren hier als Spielanleitung sehen; ich gebe die Regeln für ein Stück vor, das die Darstellenden dann auf die Bühne übertragen und das Publikum schaut beim Spiel zu, was ja ein großer Lustmoment ist. 

Apropos Bühne – inwiefern verlassen Sie bei Ihrer Digitaloper die klassische Bühnensituation und mit welcher Wirkung?

Zum einem war die Opéra Concrète so konzipiert, dass sie nur einmal aufgeführt wird und nicht aufgezeichnet wird. Viele meiner Freunde haben versucht sich die 15-stündige Performance komplett anzuschauen, die Nacht über wach zu bleiben und durchzuhalten, sind aber zwischendurch eingeschlafen und dann mal wieder aufgewacht. Damit habe ich aber auch bewusst gespielt: Auf der einen Seite war die Kamera, die nonstop Bilder produziert und auf der anderen Seite das Zuschauerauge, das irgendwann einfach erschöpft ist. Ich wollte, dass es von Anfang an eine lebendige und bis zur körperlichen Erschöpfung geöffnete, ja „entfesselte“ Bühne ist. Und das kann man auch schon als Gegenentwurf von Wagners Bühne der „perfekten Illusion“ sehen.

Der andere Aspekt ist, dass man durch den Einsatz der Kamera auch dem Klang der Musik anders folgen kann bzw. einen neuen visuell-ästhetischen Eindruck von dem Ring des Nibelungen bekommt. Wenn ich mich in einem Opernhaus befinde und das Stück sehe, habe ich von dort nur einen Blickwinkel und somit nur einen Höreindruck. Das wird bei der Opéra Concrète mit den unterschiedlichen Kameraperspektiven komplett aufgelöst. Durch das spielerische Aktivieren des Orientierungssinns werden einem noch einmal ganz andere Verständnisebenen offeriert – wird die Musik Wagners anders erlebt.

Was für eine Zukunft haben solche digitalen Formate? Wen spricht das an und wie können sich digitale Opernformate noch weiterentwickeln?

Kurz nach der ersten Pandemiewelle gab es einen Boom an digitalen Produktionen oder Livestreams. Allerdings wirkte der Kameraeinsatz oft noch sehr unbedarft. Auch, weil es bei einem Großteil der Theater- und Opernhäuser bislang keine Personen gibt, die für solche Formate ausgebildet und zuständig sind. Bei digitalen Produktionen muss aber eine eigene künstlerische Bildsprache entwickelt werden.

Richtig interessant werden zukünftige digitale und hybride Opernproduktionen, wenn hierfür ordentliche Positionen in den Häusern geschaffen und die Sprache der Kamera, der VR/AR-Visualisierung und der 3D-Animation Einzug in die Sprache der Inszenierung findet – und nicht mehr als „Satellit“ wahrgenommen wird. Die Frage, die sich aber stellt, ist, müssen digitale Formate zwangsläufig in einem traditionellen Opernhaus stattfinden und welchen Raum gibt es sonst dafür, gerade wenn solche Inszenierungen nicht auf ein Repertoirepublikum abzielen. Es wird hoffentlich noch andere Unternehmungen geben wie den Next Waves Theater-Nachfolger Glasshouse, der, soweit ich weiß, noch immer die einzige Plattform für digitale Performances in Deutschland ist.

Ein Originalmitschnitt von On reading #foucault’s #lusagedesplaisirs feat. a very slow #bohemianrhapsodyremix [aka The Rules of Attraction, opéra concrète] ist noch bis zum 31. Juli 2022 abrufbar über www.alexanderfahima.com

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