Akademie Musiktheater heute

Biografie über Sir Peter Jonas – Interview mit Julia Glesner

Interview

Foto: privat

Julia Glesner

Prof. Dr. Julia Glesner wurde 1975 in Saarlouis geboren. Sie studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Politik in Mainz und Paris. Promotion in 2004. Zur Spielzeit 2003/2004 wurde sie Referentin des Generalintendanten am Theater Erfurt. Ab 2004 verantwortete sie dort die Öffentlichkeitsarbeit. 2006 wechselte sie zur Klassik Stiftung Weimar. Sie übernahm dort den Aufbau und die Leitung des Stabsreferats für Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing. Außerdem war sie ordentliches Mitglied des Direktoriums der Klassik Stiftung und deren Pressesprecherin. 2017 wurde sie zur Professorin für Kultur und Management an der Fachhochschule Potsdam berufen und leitet seit 2018 den Studiengang Kulturarbeit. 2002 bis 2004 war sie Stipendiatin der Akademie Musiktheater heute.

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Sir Peter Jonas war eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Musiktheaters und einer der bekanntesten Intendanten. Sich selbst bezeichnete er einmal als „accidential Intendant“. Einen Namen machte sich Peter Jonas vor allem mit seiner Vision, die Oper für alle Gesellschaftsgruppen zu öffnen. AMH-Alumna und Professorin Julia Glesner traf den Intellektuellen über drei Jahre lang zu Gesprächen. Entstanden ist die Biografie Oper für alle, die einen intensiven Einblick in Jonas‘ Leben und Denken gewährt.

Julia Glesner, mit Oper für alle haben Sie auf rund 600 Seiten das Leben von Sir Peter Jonas nachgezeichnet. Was hat Sie dazu bewogen, eine Biografie über ihn zu schreiben – und wie konnten Sie ihn dafür gewinnen?

Im Sommer 2004 hatte die Akademie Musiktheater heute einen Sommerworkshop zu den Opernfestspielen in München angeboten. Wir wollten am Abend des 19. Juli Deborah Warners Neuinszenierung von Benjamin Brittens The Rape of Lucretia besuchen, Ivor Bolton dirigierte. An dem Tag war bekannt geworden, dass der Dirigent Carlos Kleiber am 13. Juli verstorben ist. Vor dem Beginn der Vorstellung trat Peter Jonas auf die Bühne und bat das Publikum mit wenigen, aber umso bewegenderen Worten und einer außerordentlich dringenden Geste um eine Schweigeminute für Carlos Kleiber.

Seit diesem Workshop, an dem er selbst überhaupt nicht teilgenommen hatte, habe ich seine Arbeit intensiv verfolgt. Ich wollte verstehen, wie er es vermocht hatte, sein Haus zu solch einem Erfolg führen, wie er sich als Intendant der Bayerischen Staatsoper verstand und wie er dazu geworden war.

Nachdem ich meine Professur in Potsdam angetreten hatte, war der Moment gekommen, ihn zu fragen, ob er mit mir an diesem Buch arbeiten würde. Ein Kollege vermittelte ein Gespräch, in dem Jonas ein Probearbeitswochenende vorschlug. Damit begann unsere Zusammenarbeit.

Was hat Sie besonders an Peter Jonas beindruckt?

Seit ihm seine Ärzte ihm Alter von 29 Jahren prognostiziert hatten, er habe aufgrund seiner Krebserkrankung nur noch ein Jahr zu leben, war er sich der Endlichkeit seiner Lebenszeit und seiner Kräfte schmerzhaft bewusst – zumal er nur kurz zuvor den Unfalltod seiner geliebten Schwester hatte akzeptieren müssen. Ihr, der Toten, gegenüber verpflichtete er sich, aus seinem Leben etwas zu machen.

Schon in jungen Jahren hatte er die Chuzpe, im entscheidenden Moment etwas zu riskieren, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und sich dann mit aller Energie und höchster Disziplin in die neuen Aufgaben zu stürzen. Rückblickend sprach er in dem ihm typischen Denglisch dann oft davon, „I hochstapelte my way through“ oder eben, er sei ein ‚zufälliger Intendant‘.

Führungsmodelle, bei denen sich mehrere Personen eine Führungsposition teilen und das Demokratisieren von Entscheidungsprozessen im Haus, spielten für ihn keine Rolle. Wie ordnen Sie diese Haltung vor allem im Hinblick auf die aktuellen Debatten an Theatern und Opernhäusern ein?

Peter Jonas war – wie wir alle – ein Kind seiner Zeit. Zwar sprach er sich eindeutig für eine Leitungshierarchie aus, allerdings bedeutete ihm eine vertrauensvolle Zusammenarbeit im Direktorium viel. Einer Art Intendanz im Kollektiv war er während seiner Zeit an der English National Opera am nächsten gekommen: Die enge und überaus erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen ihm, Mark Elder und David Pountney wurde als ‚Triumvirat‘ bezeichnet, im Haus gab es viele Gerüchte über ihre heftigen Diskussionen und Auseinandersetzungen, von denen de facto nie wirklich Eindeutiges nach außen drang. Für die Öffentlichkeit sprachen sie mit einer Stimme.

Nach seinem Abschied aus München verfolgte Jonas intensiv, welche Neuerungen die kommende Generation einforderte, und brachte sich durch seine Lehrtätigkeit an der Universität Zürich auch noch aktiv ein. Er hatte sich aber bewusst entschieden, keine weitere Intendanz anzunehmen und die Verantwortung für die Gestaltung der Theaterlandschaft anderen zu überlassen. Im Theater geht es um den Moment, hatte Jonas gesagt. „Wenn eine Intendanz vorbei ist, lebt sie nur noch in der Erinnerung. Du hast dein Bestes getan, ob es funktioniert hat oder nicht. Du hast die Fantasie der Menschen angeregt und sie verführt – oder eben nicht. Und dann ist es zu Ende.“

Seine große Vision war immer, die Oper für alle Gesellschaftsgruppen zu öffnen. Wie gut hat das funktioniert?

Peter Jonas war seit seinen Jugendjahren von Lilian Baylis inspiriert, der Gründerin der Sadler’s Wells Opera Company, aus der die English National Opera hervorgegangen war. „Theatre for Everybody“ war ihr Leitgedanke. Als Jonas 1984 seinen Job als General Manager der English National Opera antrat, versuchte er, gemeinsam mit Elder und Pountney genau diesen Gedanken umzusetzen. Dabei mussten sie sich mit aller Macht und manchen Finessen gegen das Thatcher-Regime durchsetzen. Thatcher war grimmig entschlossen, die Sozialleistungen abzubauen und im Kulturbereich massiv zu kürzen. Ich finde, dass es Jonas, Elder und Pountney – auch im Vergleich zur Münchener Intendanz – extrem gut gelungen ist, das Haus zugänglich zu machen. Die English National Opera war in aller Munde, ein Ondit, wie er immer sagte. Für mich hat Jonas in diesen Jahren Übermenschliches geleistet, entsprechend ist das London-Kapitel auch das Zentrum des Buches. Er ging gestählt aus dieser Zeit heraus.

Im deutschsprachigen Raum ist das Format „Oper für alle“, das mittlerweile zum festen Programmpunkt vieler Häuser gehört, direkt mit seinem Namen und den Liveübertragungen von Opernaufführungen auf große Plätze im öffentlichen Raum verbunden. Damit hat er natürlich breiten Bevölkerungsgruppen ermöglicht, zum ersten Mal Opern zu erleben – aber eben nur unter diesen Bedingungen. Ob diese Menschen dann tatsächlich später auch Tickets gekauft und die Schwelle zum Nationaltheater überschritten haben, steht auf einem anderen Blatt. Das soll nicht den Erfolg seines Hauses schmälern, während seiner Intendanz tatsächlich auch neue und jüngere Publikumsgruppen an die Bayerische Staatsoper gebunden zu haben, aber ihm war bewusst, dass er mit der Umsetzung seiner Vision an Grenzen stieß, auch wenn er in seinem Ansinnen nie nachgelassen hat.

Als Peter Jonas in den neunziger Jahren sein Amt als Staatsintendant der Bayerischen Staatsoper antrat, vertrat er die These, dass man als erfolgreicher Opernintendant weit mehr vorweisen müsse als ausgeglichene Bilanzen und florierende Kassenleistungen. Das eigene Haus müsse abenteuerlich, provokant und erfolgreich sein, um in der Gesellschaft von sich reden zu machen. Würde er das heute auch noch so formulieren?

Garantiert würde er das heute noch so sagen, er war darin stark durch seine Erfahrungen in London beeinflusst: Während in England vor allem Popularität, Inklusivität und Zugänglichkeit leitende Werte im Management eines Opernhauses seien und eine fade, aber populäre Show immer akzeptiert würde, solange sie „what we used to call a ‚banker‘ at the box office” wäre, wie er sagte, würde in Deutschland ohne dramaturgische Stringenz in der Planung des Repertoires kein Opernmanagement als erfolgreich angesehen werden.

Eine letzte Frage: Wessen Idee war es, das Vorwort von Donna Leon schreiben zu lassen, die zwar eine große Händel-Kennerin und -Liebhaberin ist, der breiten Öffentlichkeit aber eher durch ihre Krimis bekannt ist?

Während eines Treffens in Zürich erzählte mir Peter Jonas, dass das gemeinsame Vorhaben von ihm und Donna Leon, ein autobiografisch an seinem Leben orientiertes Buch zu schreiben, daran gescheitert war, dass Leons Verlag einen Krimi erwartete, er aber den ‚Stoff‘ seines Lebens dafür nicht geben wollte. Jonas unterstützte meine Idee, Donna Leon um das Vorwort zu bitten. Seine Biografie sollte für ein breites Publikum gut lesbar sein, das war uns wichtig. Ein Vorwort von Donna Leon markiert perfekt, dass die Leserinnen und Leser Spannung erwarten dürfen.

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